Medizin - eine Disziplin zwischen Naturwissenschaft und Kunst

Vortrag von Prof.Herbert Pietschmann am 4.6.2010 auf dem Europäischen Ayurveda-Kongress 2010 der Deutschen Gesellschaft für Ayurveda am Starnberger See (Fotos von der Veranstaltung)

Herbert Pietschmann wurde am 9.8.1936 in Wien geboren. Nach Forschungsaufenthalten in Genf (CERN), Virginia, Goteborg und Bonn war er von 1971 bis 2004 Ordinarius am Institut für Theoretische Physik in Wien.
Er ist Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, der Wiener Internationalen Akademie für Ganzheitsmedizin, der New York Academie of Sciece und Fellow der World Innovation Fondation.(Anm.d.V.)

In der Philosophie Platons stand der Mensch als Sucher nach dem wahrhaft Guten im Mittelpunkt der Welt. In seinem Spätwerk „Philebos" wird in der dialektischen Betrachtung von Zufall oder Vernunft die Dualität zugunsten eines ganzheitlich Dritten überwunden.
Wolfgang Pauli (geb.25.4.1900 in Wien, gest.15.12.1958 in Zürich, Nobelpreis f.Physik 1945) beschäftigte sich zeitlebens mit dem Widerspruch zwischen Einmaligem und Reproduzierbarem. Zuhilfe kam ihm v.a.in seiner Züricher Zeit seine Freundschaft mit dem Tiefenpsycholgen Carl-Gustav Jung, mit dem er seine existenziellen Fragen bearbeiten konnte.

Gemeinsam erarbeiteten sie die Begriffe Synchronizität, Kollektives Unbewusstes und Archetypen.(A.d.V.)

In der Beschreibung der Welt auf naturwissenschaftliche Weise geht der Mensch verloren.
Dagegen setzte sich Immanuel Kant ( 22.4.1724 - 12.2.1804 in Königsberg) für die Menschenwürde und die Unauswechselbarkeit des Individuums ein.
Während bei Platon (428-348 a.Chr.) der Mensch im Mittelpunkt stand, wandte sich sein Schüler Aristoteles (384-322 a.C.) konkreten Einzelphänomenen der Natur zu.

Seine Naturphilosophie und Wissenschaftstheorie gehören zum Fundament der modernen Naturwissenschaft.(A.d.V.)

Die drei Säulen der aristotelischen Logik -Identität, Widerspruch, das ausgeschlossene Dritte-
strukturieren eine Entweder-Oder-Logik, die die Vereinigung von Gegensätzen ausschliesst.
Während einer Neutrinokonferenz in Japan wurde H.Pietschmann erstmalig mit der fernöstlichen Denkweise konfrontiert. Für buddhistische Mönche konnten 2/3 + 2/3 ein Ganzes bilden, nicht aber für einen abendländischen Denker. Auf seine Frage an einen japanischen Kollegen, ob sie sich über buddhistisches Denken unterhalten könnten, antwortete dieser, dass der Physiker dafür nicht geeignet sei, da er sich für das abendländische Denken entschieden hätte. „Diese Antwort war für mich unglaublich"-so Pietschmann- „Wer von uns entscheidet sich bewusst für das abendländische Denken? Eine Wahlmöglichkeit gibt es bei uns nicht!" Das hierzulande führende Entweder-Oder-Muster führe dazu, dass sobald irgendwo ein Unterschied bemerkbar ist, wir sofort trennen und die beiden Seiten bewerten würden.
Im Todesjahr von Nikolaus Kopernicus (1473-1543) wurde sein Werk „De revolutionis orbium coelesticum" veröffentlicht. 50 Jahre später bestätigte Johannes Kepler durch die Berechnung der elliptischen Planetenbahnen das heliozentrische Weltbild. Galileo Galileo (1564-1642) verteidigte die neue Erkenntnis, wurde aber unter dem Druck der kirchlichen Inquisition durch Einführung des Experiments zum Begründer der modernen Naturwissenschaft. Nach kirchlicher Auffassung war die Wahrheit ganzheitlich und in der Heiligen Schrift zu finden. Eine Hypothese, da sie sich nicht auf das Ganze bezöge, könne nicht der Wahrheit entsprechen. Galileo konnte seine wissenschaftlichen Erkenntnisse als Hypothese ohne Wahrheitsanspruch veröffentlichen. Er erfand aber das Experiment, das eine reproduzierbare, quantitative Analyse beinhaltete, um zwischen scheinbar falsch und wirklich falsch zu unterscheiden.

Wegen seiner zahlreichen wissenschaftlichen Entdeckungen befand er sich in ständiger Gefahr, der Inquisition zum Opfer zu fallen. Zuletzt entkam er aber der Todesstrafe und verbrachte den Rest seines Lebens unter Hausarrest. (A.d.V.)

Das 17.Jahrhundert war auch die Zeit des 30-jährigen Krieges. Die Kirche hatte andere Sorgen, nämlich die Unterscheidung von katholischer und protestantischer Wahrheit.
So konnte sich die experimentelle Naturwissenschaft weiter ausbreiten.

Rene´Descartes (1564-1642) lehrte die Wahrheitsfindung ohne 2.Person. Seine Erkenntnis
„Cogito ergo sum" führte zum Solipsismus und zur bis heute erhaltenen Trennung von Geist und Materie.

Descartes war u.a.der Erfinder der analytischen Geometrie. Seine Lehre wird auch Cartesianischer Dualismus genannt. Er forderte ein Ethos der Pflicht und Selbstüberwindung und führte den Begriff des „Selbstbewusstseins" als philosophisches Thema ein. (A.d.V.)

Grundlegend für das abendländische Denken waren auch die aristotelischen Ursache-Wirkungsbeziehungen:
-Causa finalis (Zielursache): Zweck = Ursache eines Geschehens
-Causa formalis (Formursache): Plan für die strukturelle Gestaltung
-Causa materialis (Stoffursache): woraus etwas entsteht und was in dem Etwas enthalten ist
-Causa efficiens (Wirkursache): die äußere Ursache einer Veränderung, z.B.: Der Wind bewegt die See.
Typisches Beispiel für das Fehlen einer Zielursache ist das homöopathische Mittel.
Wegen der Konfliktmöglichkeit zwischen Causa finalis und Causa efficiens wurde erstere im 17.Jhdt.unterdrückt.
Zusammenfassend kann der Denkrahmen des Abendlandes mit folgenden Begriffen beschrieben werden: Reproduzierbarkeit, Quantität, Analyse, Eindeutigkeit, Widerspruch, Kausalität, kurz: alles, was messbar ist messen, entweder-oder, Ursache-Wirkung.
Daraus entwickelte sich der logisch-naturwissenschaftliche Krankheitsbegriff. Alles , was damit nicht erklärbar war, wurde in die „Psycho-Kiste" gesteckt. (Scherzhaft: Der Hypochonder von Zimmer 9 ist gestorben. Jetzt übertreibt er aber ! ). An die Stelle von Wirklichkeiten wurden Denkkonstruktionen gesetzt: Ein heisser roter Mensch mit Fieber hatte kein Fieber, wenn das Thermometer nur 36,5 Grad anzeigte.
Mit den Entdeckungen der Quantenmechanik wurde der abendländische Denkrahmen gesprengt. Die Eigenschaften eines Objektes wurden nun durch die Messung nicht festgestellt, sondern hergestellt. Der Unterschied in der Betrachtungsweise kann z.B.folgendermassen nachvollzogen werden: wenn ich gegen eine Mauer laufe entsteht ein Schmerz, weil dort eine Mauer war - nach herkömmlicher Denkweise, oder ich habe einen Schmerz, also steht da eine Mauer - nach quantenphysikalischer Denkweise.
Ein bekannter Quantenphysiker war auch der Däne Niels Bohr (1885-1962). An seinem Hauseingang hatte er ein Hufeisen angebracht. Wie er als Naturwissenschaftler so einem Aberglauben anhängen könne, wurde er gefragt. Daran glaube er doch nicht ernsthaft. Darauf antwortete er: Natürlich glaube er nicht an diese Dinge. Aber das sei kein Problem. Man habe ihm versichert,es funktioniere auch, wenn man nicht daran glaube.
Durch die Öffnung des abendländischen Denkrahmens wurden Dinge für die Wissenschaft wieder interessant, die vorher ausserhalb lagen: Einmaliges, Qualität, Synthese, Offenes, Buntes, Lebendiges, Konflikte, Wollen , Kreativität etc. Die Hilflosigkeit des abendländischen Denkens in Einzelfällen schien überwunden zu sein. Schon Hegel hatte Lebendigkeit mit dem Tragen des Widerspruchs verknüpft. („Etwas ist lebendig, nur insofern es den Widerspruch in sich enthält")
Immanuel Kant war der klassische Philosoph der Autonomie. Diese verbindet sich mit Begriffen wie Verantwortung, Vernunft, Willensbildung und Entscheidung. Die Errungenschaften der modernen Naturwissenschaft unterliegen den Gesetzen der Heteronomie - Expertentum, Sorgfaltspflicht Naturnotwendigkeit und Ordnung.
Ein Flugkapitän darf keine Verantwortung übernehmen, sonst gibt es keine Sicherheit.
Für jedes mögliche Ereignis gibt es eine Checkliste, die er durchgehen muss , und entsprechende Anweisungen, an die er sich halten muss. Klassisches Beispiel war der Flugzeugabsturz durch Ausfall eines Geschwindigkeitsmessers. Vor dem Start fragte der Kapitän seinen Copiloten: „Funktioniert dein Gerät noch ?" „Ja, funktioniert !" „Also starten wir." Dies war eigenverantwortliches autonomes Handeln, gegen die Gesetze der Heteronomie, Verletzung der Sorgfaltspflicht, gegen die dem Flugzeug inhärenten Ordnung.
Unterwegs gab es Unsicherheiten über die wirkliche Geschwindigkeit, was zum Absturz der Maschine führte. Heteronomie kann auch nachteilig sein: Nach der Notlandung eines Flugzeugs auf dem Wasser ging dieses unter, weil der Kapitän die Schotten nicht dicht gemacht hatte. Das Durchgehen der Checklisten hatte zuviel Zeit benötigt.
Für die Fremdbestimmung ist Feigheit feindlich, für die Selbstbestimmung Dummheit, für die Sorgfaltspflicht der Kadavergehorsam, für die Verantwortung die Sebstherrlichkeit, für das Unterscheiden das Trennen, für das Vereinen das Egalisieren, für die Kritik die Borniertheit und für die Offenheit die Leichtgläubigkeit (siehe H.Pietschmann: Eris&Eirene, Wien 2002).
Verschiedene Krankheitsbegriffe sind denkbar: 1) logisch naturwissenschaftlich, 2) polar („Der Zwist der Organe"Novalis) , 3) dialektisch: These: „Der Mensch kann nur aus sich selbst gesund werden", Antithese:"Der Mensch kann nicht aus sich selbst gesund werden, denn er ist krank", Synthese: Hilfe zur Selbsthilfe. Der Feind der Expertise ist die Bevormundung, der Feind der Entscheidungshilfe die (sog.)" Esoterik"

„Es ist der Geist der sich den Körper schafft" (Frdr.v.Schiller)

Literaturhinweise:
J.Pietschmann: „Die Atomisierung der Gesellschaft" Ibera Verlag Wien 2009.
W.Pauli und C.G.Jung: „Ein Briefwechsel , 1932-1958", Springer-Verlag